„La symphonie des éclairs“ 17.04.2026
Am Freitag, 17. April, bietet die vhs im Kreis Herford einen weiteren Vortrag aus der Reihe "Französische Chansons zum Hören und Genießen" an. Durch den Abend führt Michael Wiersing Sudau, ein Kulturjournalist, der sich seit vielen Jahren mit französischen Chansons beschäftigt. Schon jetzt verrät er spannende Fakten im Interview.
Dass man, immer noch, schlagartig, mit nur einem einzigen Album alles erreichen kann, beweist Zaho de Sagazan. Wenn man einen solchen Namen trägt – ausgeschrieben Zaho Le Moniès de Sagazan – wirkt er, wenigstens auf uns, als Ausländer, geradezu wie eine Aufforderung, theatralische Musik zu entwerfen. Ihr Album, "La Symphonie des éclairs", ist genau davon ein Ausdruck, und zugleich das, was man von einem Debütalbum erwartet: Entstanden als Ergebnis des eigenen bisherigen Lebens, bevor man bekannt wird, in aller Bescheidenheit, noch nicht als Teil einer Industrie, zwangsläufig unbeeindruckt, weder positiv noch negativ. Für ein Standard-Popalbum wäre die Auswahl an Themen wohl zu reduziert, etliche Lieder beschäftigen sich immer 'nur' wieder mit der Liebe, eins nach dem anderen. Es ist auch keine Musik, zu der man rhythmisch tanzen kann. Und schließlich, dass die Interpretin, meinem Empfinden nach, zum großen Teil nicht singt, sondern eine Art Sprechgesang pflegt. Bemerkenswert dabei, dass – selbst wenn sie Zweifel, Ängste, Trauer thematisiert – die Stimme sehr selbstbewusst klingt. Sie biedert sich uns nicht an – vieles ist eher obskur, scheint menschliche Abgründe abzubilden, erzählt unangenehme Wahrheiten. In drei der Lieder, die auf den ersten Blick von Liebe handeln, wird dieses Gefühl zugleich untergraben: "Je t’aime passionnément, tu m’aimes suffisamment, suffisamment pour que je reste" ('Ich liebe Dich leidenschaftlich, Du liebst mich ausreichend, ausreichend genug, dass ich bleibe') lautet eine Zeile, und in "Est-ce que tu vas bien ?" ('Geht es Dir gut ?') stellt sie trocken fest: "Je ne sais plus si même tu mérites encore mes mots, je crois que les tiens n’étaient pas ce qu’on nommerait de beau" ('Ich weiß nicht, ob Du solche-meine Worte noch verdienst, ich denk' Deine waren nicht, was man angenehm nennen kann'), bevor sie das Lied auf "Je t'aime encore" ('Ich liebe Dich noch immer') beendet. "Le dernier de voyage", schließlich, versetzt den Todesstoß: "J’ai peur, mon ami, qu’un de nous deux, allongé sur ce tapis, y laisse la vie" ('Ich befürchte, mein Freund, dass einer von uns beiden, wie wir auf dem Teppich liegen, sein Leben dort verlieren wird'). Das ist spektakulär, wie in nur ganz wenigen Worten die Situation verständlich beschrieben, und deren – sagen wir 'Beendigung' – angekündigt wird. Ein persönlich unwohliges Gefühl, dass sich da einstellt, aber große Kunst.
"Les Frangines" sind etwas Ungewöhnliches, ein Duo. Anders als in Deutschland meist angenommen, bezeichnet das bloße Wort "Chanson" im Französischen nicht zwingend ein intellektuell-philosophisches Lied von definierten Qualitäten, sondern kann eigentlich alles sein, und in jedem Stil – von Hardrock bis zum "seichten Schlager", über Rock und Pop und Rap. Alle Musik, zu der gesungen wird, ist erstmal ein Chanson. Wenn wir bei den deutschen Differenzierungen bleiben, wären die "Frangines" vermutlich im Bereich des höherwertigen Schlagers anzusiedeln, der von den Künstlerinnen selbst komponiert und getextet wird. Die Texte sind nicht raffiniert, gesellschaftlich engagiert, es werden keine Geschichten darin erzählt, da ist nichts Anstößiges. Die Grundstimmung ist tendenziell melancholisch, es sind eher Momentaufnahmen. Träume, Ideale, Alltägliches – wie der Mangel an Zeit für das Wichtige, der Wunsch nach Liebe und Verständnis, aber auch Ermutigungen. Unveränderbares – "La vie reprend, la vie redonne, quand on ne l’attend pas. Et même la somme de tous les hommes ne pourrait changer ça. Elle écrit et elle gomme sous nos pieds nos faux pas. Et même la somme de tous les hommes n’a jamais changé ça." ('Das Leben nimmt und gibt, wenn man es nicht erwartet. Selbst alle Menschen zusammengenommen, ändern nichts daran. Das Leben schreibt, und radiert unsere falschen Schritte unter unseren Füßen aus.'). Beim Hören entstehen automatisch Bilder von dem, was die beiden Autorinnen bewegt. Ich wage die Annahme, dass Anne Coste und Jacinthe Madeline besonders die Menschen ansprechen, die so sind wie sie: Französische Frauen im Alter von Mitte / Ende 30, die ein ganz normales französisches Leben leben. Es gibt Interpreten, die man hört, weil man – wenigstens ein Stück weit – so sein möchte wie sie. Dies ist hier nicht der Fall, Sängerinnen und Hörer scheinen von Beginn an eine Gemeinschaft zu sein. Die "Frangines" haben übrigens auch Gedichte vertont, oder ihre Version von Klassikern des Chansons eingespielt.
Laura Cahen ist Minimalistin Sie kommt mit wenigen Worten aus, mit denen sie sehr genau arbeitet, sie macht deutlich, wie viel sich an einem Satz – an der Aussage – verändert, wenn nur ein einziges davon geändert, ersetzt wird. Die Musik auf "De l’autre côté" ('Von der anderen Seite her', bzw. 'Andererseits ...') ist überwiegend ruhig, man hat fast den Eindruck, man höre der Sängerin bei ihrem eigenen Nach-Lauschen zu. Das hat etwas von Endzeit, von großen Naturräumen, Seelenzuständen, zu denen sich ab und an Verlangen, und lebensentscheidende Dramatik hinzugesellt. Vor allem ist es jedoch ein Album, auf dem der ständige Bezugspunkt der-die Andere ist. "Ta bouche", "tes poignets", "si tu veux", "te désirer", "tu sais le tonnerre", "Je reste contre toi" etc. (Dein Mund, Deine Handgelenke, wenn Du möchtest, Dich verlangen, weißt Du ... der Donner, ich bleibe bei Dir angelehnt). Nicht zwangsläufig als Liebesbeziehung, aber die andere Person ist immer präsent. Neue Bedeutungen entstehen dadurch, dass Worte tagtäglicher Redewendungen umgestellt werden, an den nachfolgenden Satz nahtlos anschließen. "Tu sais lire mon visage que tout le monde, mieux" anstelle von 'mieux que tout le monde' ('Du kannst meinen Gesichtsausdruck deuten als alle anderen, besser' statt 'besser als alle anderen deuten') zum Beispiel. Oder "Pourquoi je ne veux plus de toi me passer" anstelle von 'me passer de toi' ('Warum ich nicht mehr verzichten auf Dich möchte', statt 'auf Dich verzichten möchte'). Ein vertraut-intimes Gefühl entsteht da in unserem Kopf, von Empfinden von Gefühlen drinnen, zu Haus, und draußen, im Gelände. Man wird schnell in diese Welt hineingezogen, man wird selbst zu dem "tu", zu der angesprochenen Person. Erlebt alles mit ... mehr kann man sich als Hörer nicht wünschen. "C’est toujours réconfortant quand on écoute une chanson et qu’on a l’impression qu’elle a été écrite pour soi", hat Laura Cahen in einem Interview gesagt ('Es ist immer beruhigend, wenn man ein Lied hört, von dem man meint, es wäre für einen persönlich verfasst worden').
Für alle vorgestellten Künstlerinnen gilt, dass sie zum Teil oder komplett ihre Lieder selbst texten und komponieren. Ist in Zeiten von KI das Handwerk "Liedermachen" eigentlich noch modern ? Ich habe im Februar an der HfM Detmold an einer mehrtägigen Tagung zu KI teilgenommen. Da wurde viel vorgestellt, ausprobiert. Eine gute, und eine schlechte Nachricht: Die Schlechte – innerhalb von weniger als 10 Minuten können Programme heute ein sehr passables Lied generieren. Sie können ein noch so abgefahrenes Thema nehmen – mir kamen Dunstabzugshauben in den Sinn – abwegige Worte einstreuen ('inkompetent'), Sie bekommen einen überzeugenden, fast schon poetischen Text in wenigen Sekunden geliefert. Sie können den in jedem beliebigen Stil vertont und vorgesungen bekommen, von Trash Heavy Metal bis zum 60er-Jahre-Gassenhauer. Die gute Nachricht ist, wenigstens für ein paar Jahre: Es gibt Musik noch nach KI, weil vorläufig das 'Erlebnis: Musik' nicht ersetzt werden kann. Dazu gehören Konzerte in Gemeinschaft, oder unsere Anteilnahme an der Biografie von Künstlern, die ihr Leben in ihren Liedern bewältigen. Als Mensch ist Zaho de Sagazan massentauglich, mit einer nicht-massentauglichen Musik. Genauso wie alles Schlechte – aber auch alles Gute – vergeht, alles im Fluss ist, werden wir irgendwann der KI überdrüssig sein. Wie lange das dauert, weiß aber niemand. Natürlich haben Hitproduzenten schon vor 40 Jahren oder mehr auf bewährte Muster gesetzt, doch waren das noch Menschen. Was die genannten Künstlerinnen angeht, so ließen sich Alben in genau ihrem Stil in kürzester Zeit automatisch herstellen – kein Wunder, denn die KI wird mit allem gefüttert. Liedermachen funktioniert im traditionellen Sinne also nur noch, wenn man als Künstler dem Handwerk und sich gegenüber Wertschätzung übt – unter dem Motto "Ich kann noch selber kreativ sein !" – und gleichzeitig das Publikum den Interpreten wiederum Wertschätzung erweist. Nicht jedes Lied ist toll, hat Fehler, aber Du hast es gemacht und niemand anderes ! Nur das Menschliche kann menschliche kreative Leistung retten. Letztlich muss jeder Konsument Position beziehen, genauso, ob sie oder er noch CDs oder LPs kauft, oder kostenlos mithört. Die Bedingungen sind – aufgrund massiven Klaus Ideen anderer – für Künstler heute fast so prekär wie zu der Zeit, als es noch kein Urheberrecht gab. Wir stehen davor, diese Errungenschaft zu verlieren. Kompetenz in neuen technischen Möglichkeiten benötigen heute alle Künstler, und alle hier vorgestellten Frauen nutzen sie. Das Wichtige ist, festzulegen, was und wieviel davon gut ist. Das Schlimmste wäre der Verlust des Wissens, wie Musik tatsächlich handwerklich gemacht wird. Hoffen wir auf einen Aufschub, während dem wir, als Menschen, schließlich mit unserer Stärke überzeugen. Wie diese Interpretinnen.



