„Étrangement bien“ – Französische Chansons / Pop / Rock 1950 – 2025, große Vielfalt Nr. 2 04.11.2026
Am Freitag, den 6. November, bietet die vhs im Kreis Herford einen weiteren Vortrag in ihrer Reihe "Französische Chansons zum Hören und Genießen" an. Nach dem Werk konkreter Sängerinnen und Sänger, Geheimtipps und neuen Interpretinnen steht an diesem Abend zum zweiten Mal eine Vielzahl an verschiedenen Chansoniers – diesmal aus sieben verschiedenen Jahrzehnten – auf dem Programm, die mit jeweils einem Stück vorgestellt werden. Durch den Abend führt Michael Wiersing Sudau, ein Kulturjournalist, der sich seit vielen Jahren mit französischen Chansons beschäftigt. Ein paar Informationen zur Geschichte des französischsprachigen Chansons gibt er schon jetzt.
Vielleicht mehr als an einem Abend, der nur einer Person gewidmet ist, fühlt man bei einem Gang durch verschiedene Jahrzehnte den Hauch der Geschichte. Das ist ganz zweifellos so. Es gibt ja kaum Künstler, die 60-70 Jahre auf der Bühne stehen, und an denen man die Veränderungen über so einen langen Zeitraum beobachten könnte, wenn es stilistischen Veränderungen, Entwicklungen nach 15-20 Jahren im Geschäft überhaupt noch gibt. Einfacher lassen sich Vergleiche zwischen gleichaltrigen Interpreten aus verschiedenen Jahrzehnten ziehen. Von blutjungen Sängern abgesehen kommt, darüber hinaus, aber wohl jeder Künstler relativ schnell zu der Einsicht, dass sie oder er in einer Tradition steht, Akteur seiner und zugleich Teil einer Geschichte ist, die irgendwann begonnen hat und weitergeht. Nichts entsteht oder passiert im luftleeren Raum.
Für den Laien, der diese Geschichte gerafft nachvollziehen möchte, gibt es da Versuche ? Pierre Saka und Yann Plougastel haben, als Herausgeber, in « La Chanson française et francophone » in nur zwei Absätzen ziemlich gut, scheint mir, die Entwicklung festgehalten. Sie schreiben: « La chanson est un art d'expression populaire. Elle a mis du temps à devenir adulte. Elle est née on ne sait où ni quand ni comment. À ses tout débuts, la chanson était transmise oralement, de génération en génération. Elle était issue d'auteurs inconnus et qui le resteront. "Plaisir d'amour", poème de Florian, musique de Jean-Paul Martini, maître de musique du Prince de Condé, fait exception à la règle, car elle date de 1750. La chanson commence à prendre réellement forme et une place enfin économiquement remarquée dans la deuxième moitié du XVIIIe siècle. Il lui fallait un cadre pour son épanouissement. Elle le trouve avec le café concert, où artistes et chanteurs se produisent devant les consommateurs attablés. Napoléon les fera fermer, y voyant de possibles foyers d'agitation politique, mais ils reviendront vite et se multiplieront tout au long du Second Empire. Sous la IIIe République naissante, Thérésa et Paulus seront les premières vraies tête d'affiche à l'Eldorado, célèbre établissement du boulevard de Strasbourg. » Abschließend: « À l'approche du XXe siècle, la chanson monte d'un cran dans notre société. Montmartre en devient le haut lieu, avec des cabarets prestigieux, comme la Chat-Noir, le Lapin à Gill ou le Carillon. En 1893, c'est la création de l'Olympia, premier music-hall ... Bientôt, on y présente des revues, où triompheront les premières grandes vedettes de la chanson moderne, comme Fragson, Mistinguett ou Yvonne Printemps. »
Bei aller Kürze – ist dieser Abriss für jeden Franzosen verständlich, kann sie oder er alle Ereignisse einordnen und kennt die genannten Personen ? Was die Geschichte Frankreichs angeht – ja, aber hinsichtlich der Leute sicherlich nicht. Auch Franzosen müssen erst nachsehen, wer diese Künstler sind. Versehen mit Begleitinformationen, würde ich für den deutschsprachigen Leser übersetzen: "Das Chanson ist eine Kunstform, in der sich die breite Bevölkerung ausdrückt. Es hat gedauert, bis es sich entwickelt hat und erwachsen geworden ist. Wo es geboren wurde, wann, und wie, weiß niemand." Und weiter: "Anfangs wurde das Chanson mündlich von Generation zu Generation weitervererbt, es war das Werk unbekannter Autoren, die dies auch für immer bleiben. Eine Ausnahme ist Plaisir d'amour ['die Freude der Liebe'], ein Gedicht von Florian [Jean-Pierre Claris de Florian, 1755-1794, französischer Dichter], vertont von Jean-Paul Martini [1741-1816, deutsch-französischer Komponist], Hofkapellmeister des Hauses Bourbon, aus dem Jahr 1750. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm das Chanson seine Gestalt richtig an, als es auch wirtschaftliche Bedeutung erlangte. Für seine populäre Verbreitung brauchte es ein Umfeld, und fand es in dem café concert, den Café-Konzerten, bei denen Sänger und weitere Künstler vor – hinter Tischen sitzenden – Besuchern auftraten. Napoléon, politische Agitation witternd, ließ die Cafés schließen. Doch kamen sie bald zurück – und breiteten sich insbesondere während dem Zweiten [französischen] Kaiserreiches [1851-1870] aus. Als die dritte Republik entsteht, sind Théresa [Emma Thérèse Valadon, 1837-1913, Schauspielerin und Sängerin] und Paulus [Pseudonym von Jean-Paulin Habans, 1845-1908, ebenfalls Sänger und Komiker] dann die ersten wirklich großen Stars des Eldorados, dem berühmten Vergnügungstempel [erbaut 1858, seit 2017 unter dem Namen Théâtre libre fungierend] am Boulevard de Strasbourg."
Das war die Vorgeschichte. "Kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts steigt das Chanson in der Wertschätzung unserer Gesellschaft. Montmartre wird zu seinem Zentrum im Kreise angesehener cabarets, wie dem Chat-Noir [der 'Schwarzen Katze', gegründet 1881], dem Lapin à Gill ['Gills Kaninchen', zurückgehend auf André Gill, Pseudonym von Louis-Alexandre Gosset de Guines, 1840-1895, einem französischen Maler und Chansonsänger, der dieses Kabarett um 1879 gestaltete] und dem Carillon ['Die Spieluhr']. 1893 entsteht das Olympia, die erste music-hall, passend für Unterhaltungsmusik entworfen. Schon bald präsentiert man dort Revuen, in denen die ersten, großen Stars des modernen Chansons ihre Erfolge feiern, wie zum Beispiel Fragson [Léon Philippe Pot, genannt Harry Fragson, 1869-1913, belgischer Komponist, Autor und Sänger], Mistinguett [Jeanne Florentine Bourgeois, genannt Mistinguett, 1875-1956, französische Sängerin, Schauspielerin und Revuestar] und Yvonne Printemps [1894-1977, französische Schauspielerin, Komikerin und Operettensängerin]."
Man muss schon Spezialist sein, um die eigentlich kurze Abhandlung ohne Zusatzinformationen zu verstehen. Da stehen Franzosen und Deutsche vor der gleichen Aufgabe, keiner hat einen Vorteil. Bemerkenswert erscheint mir, dass Künstler, die enorm populär waren, die sehr große Erfolge feierten, heute komplett vergessen sind. Man mag argumentieren, dass es damals noch kein Fernsehen gab, kein youtube. Anders als bildende Künstler, deren physische Kunstwerke offenbar immer Aktualität und Reiz bewahren, verschwinden darstellende Künstler der Populärkultur jedoch verhältnismäßig schnell aus dem kollektiven Gedächtnis. Schauspieler noch schneller als Musiker, aber dennoch. Wer hört oder sieht sich – wo möglich – denn 80-100 Jahre alte Aufnahmen an ? Wir wissen viel zu wenig. Dieser Chanson-Abend, mit vielen verschiedenen Interpreten – viele von ihnen, und einfach alle ganz großen Stars, sind im erwähnten Olympia aufgetreten / treten dort auf – macht uns die Dimension von Zeit bewusst, und dass selbst absolute Tophits schneller verschwinden als man glaubt. Wir versuchen – gemeinsam, als Zuhörer – für einen Moment die Lieder der Nostalgie zu entreißen.
"La Chanson française et francophone" von Pierre Saka und Yann Plougastel (Herausgeber), Verlag Larousse, ISBN 2-03-511346-6. Ausgewählt und übersetzt MWS.
Haben Sie Lust auf mehr bekommen? Hier finden Sie alle Informationen zu dem Chanson-Abend.
