J'veux crever la main sur le coeur – Zaz

J'veux crever la main sur le coeur – Zaz 21.01.2026

Französische Chansons zum Hören und Genießen

Ende Januar, am Freitag, den 30., bietet die vhs im Kreis Herford einen Vortrag über Zaz, eine französische Nouvelle-Chanson-Sängerin und Liedtexterin, an. Durch den Abend führt Michael Wiersing Sudau, ein Kulturjournalist, der sich seit vielen Jahren mit französischen Chansons beschäftigt. Spannende Fragen über Zaz – spannende Antworten im Interview mit Michael Wiersing Sudau gibt es schon jetzt. 

Kann man mit bereits 30 Jahren noch zum Weltstar werden?  Man kann – Zaz hat es bewiesen – aber man darf nicht nur mehr Talent mitbringen. Vanessa Paradis war keine 15, als sie zum Star wurde, doch in dem Alter wird sicher noch fast alles von anderen Leuten entschieden. Zaz hatte nun zwar nicht diese 15 Jahre Star-Vorsprung, konnte aber mehr Erfahrung einbringen, als es schließlich losging. Ob man zum rein französischen Star wird oder zum Weltstar, scheint allerdings von etwas ganz anderem abhängig zu sein: Kommerzieller Erfolg zweifellos, aber daneben vor allem Lust und / oder die Disziplin, sehr viel international aufzutreten. In den 1970ern / 80ern gab es reihenweise Franzosen, die, oft in mehreren Sprachen, weltweit auftraten. Die Letzte von ihnen ist Mireille Mathieu, danach kam noch Patricia Kaas, und seit 15 Jahren Zaz. Alle drei haben die gesamte Welt, vor allem auch ganz stark Osteuropa, Russland und Asien bereist. Vermutlich kennt das Publikum außerhalb Frankreichs die Lieder von Zaz oft gar nicht. Aber da zieht dann die französische Sprache, jenseits des Kontinents der Traum von Europa und vom Westen allgemein. Zaz ist zweifellos ein französischer Kulturimport. Nach einem internationalen Hit liegt immer eine internationale Karriere nah, als Interpret muss man dafür aber eben auch der Typ sein. Zaz war und ist es, und das macht sie zu den heute wenigen französischen Stars des Chansons mit weltweitem Publikum.  

Wie entscheidend war "Je veux"?  Qualität setzt sich oft durch, aber ohne dieses eine Lied wäre Zaz der Durchbruch vielleicht nie gelungen. Die Musik, der Text – beide nicht von ihr – sie als Interpretin, die Lebenseinstellung, die Art, sich zu kleiden: das alles passte so gut zusammen – im Moment der Veröffentlichung – wie es wohl selten der Fall ist. Ich bin überzeugt, dass Musiktitel nicht zuletzt durch originelle Extras zum Erfolg werden können. Diese trotzige Kindertröte, die man am Anfang und in der Mitte von "Je veux" hört – egal, ob sie nun wirklich von Hand geformt wurde oder gespielt wird – ist genau das. Die positiv-rotzige Lebenseinstellung wird über den Klang transportiert, jeder Zuhörer merkt sofort, dass das kein etabliertes Instrument ist. Und dann die Sprache: Ein Abgesang auf alles Materielle – das, was unsere Eltern uns nicht beigebracht haben – , das Feiern allein großer, authentischer Gefühle ("Je veux de l'amour, de la joie, de la bonne humeur" – 'ich wünsch mir Liebe, Freude, gute Stimmung'), sogar bis in den Tod hinein ("J'veux crever la main sur le cœur" – sinngemäß: 'wenn ich sterb, dann mit der Hand auf dem Herzen'). Eine Direktheit, die den Zuhörer unmittelbar mit einbindet ("Allons ensemble découvrir ma liberté" - 'lasst uns gemeinsam meine Freiheit entdecken'), das ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellt, uns zu Verbündeten macht. Und, weil das aus dem Mund einer Frau kommt, vielleicht auch ein feministisches Statement ("Bienvenue dans ma réalité") ist – es ist eben ihre Realität (nicht seine), zu der sie alle einlädt, sie mitzuerleben, auch die Männer. So erfrischend, dass es jeden begeistert, und selbst wenn es unkonventionelle Lebensphilosophie nur für den Augenblick sein sollte.

Hat sich die Musik von Zaz seit Beginn ihrer Karriere verändert?  Bei einem Erfolg, wie Zaz ihn mit ihrem ersten Album hatte, geht es darum, am vorgeblichen Puls der Zeit musikalisch Neues zu produzieren und zu beeindrucken, Verkäufe zu erreichen. Das muss keine schlechte Qualität sein – es zwingt den Zuhörer ebenso wie die Interpreten, Neues auszuprobieren bzw. sich darauf einzulassen – das ist eine Chance. Wäre entschieden worden, dass sie vor allem für ein gesetzteres Publikum singt, wäre Zaz wahrscheinlich wieder verschwunden. Doch einerseits tanzbarem Synthesizer-Pop zum Abhängen, und nachdenkliche Lieder andererseits (und allem dazwischen) entsprechen ihrem Naturell. Was beides schiefgehen oder glücken kann: ebenso, wie sie überproduzierte Disco abgeliefert hat, finden sich auf manchem Album etwas langatmige, andeutungsvolle Lieder, wo man sich nach Kurzem, Eindeutigen sehnt. Die Entscheidung pro Vielfalt zahlt sich letztlich aus: richtig tolle, gehaltvolle Stücke mit ihr gibt es in mehreren Stilen – weil sie es kann. Zugleich hat sie es geschafft, dem erwähnten Druck zu widerstehen, ständig neue Musik produzieren zu müssen; die Abstände zwischen ihren Alben sind von Beginn an eher länger zu nennen.

Und sie selbst?  Sie hat zwei Seiten: einerseits Rampensau mit viel Lust an großen Live-Auftritten mit Tausenden von Zuhörern, also ganz das Gegenteil von der kleine-Kneipen-Kabarett-Atmosphäre, die man im Clip zu "Je veux" erlebt. Doch wird sie interviewt, scheint sie immer noch leicht schüchtern, immer noch etwas erstaunt, welche Möglichkeiten man ihr gibt (Profi-Musiker, Konzerthallen, Fotografen etc.). Bleibt diskret, was ihr Privatleben angeht. Kämpft offenbar immer noch wieder mit sich selbst: so hat sie zum Beispiel die Gradwanderungen zwischen Zaz (ihrem Künstlernamen), "Isa" (ihrem Kosenamen) und Isabelle Geffroy (ihrem eigentlichen Namen) beschrieben, für sie eine Frage der Identität. Sie ist – vielleicht als Erkenntnis aus der Karriere von Kaas, die sich jahrelang verausgabt hat, und daran schwer erkrankte – vorsichtig. Sie kennt auch ihre Grenzen: Geffroy agiert zwar in den Videoclips zu ihren Liedern, verfolgt aber – in Frankreich, wo erfolgreiche Musikkarrieren fast zwingend ins Kino führen – keine Schauspiel-Ambitionen. Und sie ist zwar sehr bekannt, aber kein Superstar, füllt keine Stadien. Doch ist das wichtig? Ungeachtet all dieser Definitionen und Festlegungen ist sie immer noch – man merkt es – von schierer Lebenswut beseelt. Am besten klingt das bei ihr, wenn sie in manchen Liedern mit gebrochener Stimme verzweifelt - aufgewühlt um ihr Dasein zu kämpfen scheint – ja, so viel Emotion gerade als Zeichen von unbändiger Lebensfreude!

Die Musik und die meisten Texte ihrer Titel stammen nicht von ihr selbst. Das tut ihrer Authentizität, wie mir scheint, keinen Abbruch. Es stimmt, dass Zaz im Laufe der Zeit weniger Melodien und Texte beisteuert. Sie war auch zu Anfang nie Liedermacherin, ohne dass das aufgefallen wäre – niemand konnte damals mit ihrem Erfolg rechnen. Sie gehört zu denen, die in erster Linie Interpreten sind. In Frankreich hat es Tradition, dass – teils selber sehr erfolgreiche – Sänger für Kollegen ganze Alben verfassen. Hallyday hat so etliche Hits von Goldman, aber auch von Berger geschrieben bekommen. Obwohl Zaz zwar mit einigen Textern / Komponisten immer wieder arbeitet, hat sie sich Offenheit für neue Autoren bewahrt. Das einerseits. Andererseits scheint sie nicht in Passivität zu erstarren, sondern Ideenlieferantin für Lieder zu sein bis hin offenbar zu konkreten Formulierungen. Es gibt auf ihrem Album "Iza" zwei Lieder, die sich mit ihrem Vater beschäftigen, "Comme tu voudras" und "Sans en avoir l'air". Wenn sie ihren Vater direkt anspricht: "T'as vu, j'suis plus une gamine" ('Du weißt ich bin kein kleines Mädchen mehr') und gleichzeitig – die Eltern waren geschieden, der Vater starb 2023 – emotionell von seinem Auszug in ein Pflegeheim überfordert ist ("Toi, tu perds la raison / Nous, on vide ta maison / Moi, je n'ai jamais fait le deuil / Sans en avoir l'air" – 'Du verlierst den Verstand, wir lösen Deinen Haushalt auf / Ich habe nie Trauer gezeigt, und hab es nicht gemerkt'), dann spricht letztlich sie zu uns, niemand anders. Offiziell – auch wenn dies teilweise im Internet anders steht – wurden diese Lieder nicht von Zaz getextet (laut den Booklets der Original-CDs). Wenn man sich solches texten lässt, dann ist das klar mehr als die Arbeit mit dem Material eines 'fremden' Verfassers. Zaz selbst betont immer wieder die Arbeit in der équipe, im Team. Vielleicht ist daher die Frage nach Autorenschaft von Musik und Text bei ihr mit Recht egal. Möglicherweise ist es das, was ihr Werk besonders macht. Denn sie weitet damit ja den Kreis jener aus, die sie zu diesen 'Bekenntnissen' – wie man im Französischen sagen würde, "l'aveu" – herausfordert, also sowohl sich selbst als auch die Textdichter.

Wie weit kann man mit Offenbarungen gehen? Es gibt eine weitere Ebene: "Je veux" war ja ein persönlich erscheinendes Lied, das keinen Seelen-Striptease verlangt, das kann jeder von uns singen, ohne viel von sich preiszugeben. Die Lieder über ihren Vater sind dagegen intim. Aber mit "Demain, c'est toi" gibt es ein Chanson, was nicht persönlicher sein könnte, worin es nämlich um sie als Mensch, als Frau, als potenzielle Mutter geht. Das Lied spricht in wunderbaren Worten von dem Warten auf ein Kind, das geboren wird ["Je trace des chemins qui n'attendent que toi / À toi, l'enfant qui vient, je précède tes pas / Je murmure ton nom dans le souffle de ma voix / Je t'offrirai le monde, toi que je n'connais pas" – 'Ich gehe diese Wege, die auf Dich nur warten / Für Dich, Kind, das da kommt, gehe ich Dir voraus / Ich murmel Deinen Namen im Atem meiner Stimme / Ich schenk Dir die Welt, Dir, den ich noch nicht kenne']. Es ist von einer ganz großen Zärtlichkeit, Optimismus, Ermutigung ... es erreicht alle. Es sind Worte, die besonders überzeugen, weil sie aus dem Mund eben einer Frau kommen – nicht von einem Mann – , die im Gegensatz zu ihm Leben geben kann. Die normale Reaktion, wenn ich das Lied vorspiele, ist, dass nach Geoffreys Kindern gefragt wird und dann ein großer Kinderwunsch vermutet wird. Was das Letztere angeht, so ist nichts bekannt, aber eigene Kinder hat Zaz keine. Ist dieses Liedes folglich einem Kinderwunsch von Zaz geschuldet (das Erscheinen dieses Kindes ist darin schon absehbar)? Ist das Lied also Ergebnis der Auftragsarbeit an einen – namentlich ja ausgewiesenen – Autor, mit vorgegebenen Elementen zu arbeiten? Oder sind es die Gefühle allein des Texters. Sozusagen: War erst Zaz und dann das Lied, oder erst das Lied und dann die Interpretation von Zaz? Vielleicht ist genau das – wie dargestellt – bei Zaz unwichtig. Während wir noch in persönlichen und juristischen – Autorenrechte – Kategorien denken mögen, pfeift Zaz drauf und erlaubt sich ihr Mensch- und Frausein, ihre Persönlichkeit, ihre Gefühle, vielleicht ihre Träume zu vermitteln, wie es intensiver nicht sein kann. Es sind Texte, die Rätsel um deren Genese und schließlich ihre Interpretationen, die Zaz herausheben – und warum man sie kennenlernen sollte.

 

Haben wir Ihr Interesse an Zaz geweckt? Dann kommen Sie doch gern zu dem Vortrag Ende Januar. Alle Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

 

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