Islamismus-Experte Ahmad Mansour spricht in der VHS über die "Generation Allah"

Islamismus-Experte Ahmad Mansour spricht in der VHS über die "Generation Allah" 03.04.2017

"Es fehlt eine nationale Strategie"
Unter Personenschutz: Islamismus-Experte Ahmad Mansour spricht in der VHS über die "Generation Allah"

Herford (HK). Ausweiskontrollen für die Zuhörer, Personenschützer vom Landeskriminalamt für den Referenten - ungewöhnliche Rahmenbedingungen für einen VHS-Vortrag: Vor knapp 100 Zuhörern referierte der renommierte Psychologe Ahmad Mansour am Freitagabend in der Aula am Münsterkirchplatz zum Thema "Generation Allah - Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen".
VHS-Leiterin Monika Schwidde begrüßte den 40-jährigen Buchautor, der seit 2004 in Berlin lebt und zu den wichtigsten Islamismus-Experten Deutschlands zähle: "Er plädiert couragiert für eine offene, ehrliche und gesamtgesellschaftliche Debatte über den Islam, was ihm nicht nur Zuspruch, sondern auch Morddrohungen eingebracht hat." In Herford beleuchtete der arabische Israeli, der sich als junger Mann vom religiösen Fundamentalismus abgewendet hat, Anzeichen und Ursachen von Radikalisierung und Ansätze zur Vorbeugung. "1000 Jugendliche haben Deutschland verlassen, um sich dem IS anzuschließen", berichtete er.
Als Gründe, sich zu radikalisieren, nannte Mansour das Fehlen einer Vaterfigur, kritische Lebensereignisse, Probleme in Schule oder Familie, "das Gefühl, nicht dazu zu gehören", Identitätssuche oder Depressionen. Auch Diskriminierung oder labile Persönlichkeitsstruktur machten Jugendliche anfällig für radikale Gruppen: Die böten ihnen in persönlichen Krisen emotionale Bindung: "Islamisten warten nicht in der Moschee, dass Jugendliche mit Fragen kommen. Sie sprechen junge Leute auf der Straße an, vor Schulen, Discos oder Casinos und machen ihnen Angebote, die gut und perfekt ankommen. "Elemente islamistischer Ideologien seien zudem Angstpädagogik, Geschlechterrollen, Sexualfeindlichkeit und ein Buchstabenglaube, der den Koran nicht im historischen Kontext, sondern als von Allah diktiertes Regelwerk begreife: "Islamisten bieten in einer komplizierten Welt einfache Antworten."
Für eine erfolgreiche Präventions- und Integrationsarbeit fehlt laut Mansour "eine nationale Strategie". Mit besseren Schulen und besserer Sozialarbeit könnten von Radikalisierung gefährdete Jugendliche erreicht werden: "Wir brauchen eine Schule, in der ein Wir-Gefühl entsteht, in der nicht nur einmal im Jahr oder beim Projekttag, sondern täglich mit den Jugendlichen über Werte und politische Themen geredet wird - eine Schule, die ihnen Denkanstöße gibt, Alternativen zeigt und kritisches Denken fördert." Nötig sei zudem eine innerislamische Debatte: Die müsse den Weg ebnen "für ein Islamverständnis, das den Menschen ermöglicht, ihre Religion so zu leben, dass es nicht im Widerspruch zu Demokratie und Menschenrechten steht".
Präventionsarbeit werde Zeit brauchen: "Sie wird nicht schon nach vier Jahren Wirkung zeigen."

Herforder Kreisblatt, 03.04.2017, von Peter Schelberg

"Die Schulen müssen gestärkt werden"
Ahmad Mansour in Herford: Der Islamismus-Experte erntet Applaus und Zustimmung in der Aula der Volkshochschule. Zivilpolizisten sind zum Schutz anwesend, doch Störer bleiben der Veranstaltung fern


Herford. Die fünf Beamten in Zivil des Landeskriminalamtes wichen Ahmad Mansour kaum von der Seite. Der als Interviewpartner, Talk-Show-Gast, Redner und Berater von Politik, Polizei und anderen Behörden äußerst gefragte Islamismus-Experte sprach am Freitagabend in der altehrwürdigen Aula der Herforder Volkshochschule darüber, wie es den Islamisten nach seiner Meinung mit einfachen Rezepten zu oft gelingt, muslimische Jugendliche in Deutschland zu radikalisieren, für ihre Zwecke zu missbrauchen und sogar in den Krieg in Syrien zu locken. Herford gerät derzeit als eine "Islamistenhochburg" immer wieder in die Schlagzeilen.

"Es fehlt eine nationale Strategie in Deutschland"

Tatsächlich machte zur Erleichterung von VHS-Chefin Monika Schwidde keiner der rund Hundert angemeldeten und am Eingang der Aula von einem privaten Sicherheitsdienst auf ihre Identität geprüften Zuhörer Anstalten, die Veranstaltung zu stören oder gar den Redner zu bedrohen. Das haben Herforder Islamisten im benachbarten Bad Salzuflen vor zwei bis drei Jahren durchaus getan, erinnert sich Mansour: "Die haben die Veranstaltung damals in eine ganz andere Richtung gedreht." Auch Morddrohungen gegen ihn hat es gegeben.

Am Freitag erlebte der 40-Jährige in Herford aber eine Art Heimspiel: Er erntete immer wieder Applaus und Zuspruch für seine Thesen und Forderungen. Eine Handvoll Zuhörer ließ sich den aktuellen Bestseller "Generation Allah - Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen" des Psychologen mit arabisch-israelischen Wurzeln wie von einem Popstar signieren. Mansour scheint besonders glaubwürdig, weil er als jugendlicher Palästinenser in seinem Dorf selbst in die Radikalität des Islamismus abzugleiten drohte. "Wie haben Sie denn die Kurve bekommen?" fragte eine junge Frau aus dem Publikum. Der offene, westliche Lebensstil beim Studium in Tel Aviv habe sein Leben und seine Einstellung verändert. Das sei aber ein Prozess des Zweifels über Jahre gewesen, antwortete Mansour.

Am Ende ließen die Polizisten sogar ein Gruppenfoto mit den 30 überwiegend jungen Leuten der Herforder Initiative "Extrem dagegen" um die Lehrerin Birgit Ebel zu. Sie tun schließlich genau das, was Ahmad Mansour fordert: verunsicherten jungen Muslimen ein Beispiel sein, wie man sich durch einen zeitgemäß interpretierten Glauben und die Überwindung patriarchalischer Strukturen mit ihren überholten Geschlechterrollen in die moderne Gesellschaft erfolgreich integrieren kann.

Die Neue Westfälische hat am vergangenen Donnerstag, 30. März, auf der "Seite 3" ein großes Interview mit Mansour veröffentlicht. Er forderte darin ein Umdenken im Kampf gegen religiösen Extremismus, um Radikalisierungen zu verhindern, und den Aufbau von Präventionsarbeit.

"Schule ist einer der zentralen Plätze, wo Integrationsarbeit gelingen kann", sagte er am Freitag in Herford. "Wir brauchen Schulen, die das kritische Denken fördern und in denen täglich diskutiert wird. Schule muss gegen die einfachen Botschaften des Islamisten Antworten und Alternativen entwickeln." Er forderte, dass die Lehrer durch Fortbildung und die Änderung von Lehrplänen vom Staat unterstützt und vorbereitet werden: "Ohne die Politik können Lehrer schwer etwas ändern."

Die Politik lasse Schulleitungen zu oft allein mit Problemen, etwa wenn es um Verschleierung von Mädchen und Frauen, Gebete in der Unterrichtszeit und Fernbleiben vom Schwimm- und Sexualkundeunterricht gehe. Da fehlen ihm klare Ansagen von oben und eine nationale Strategie.

"Man darf sich vor dem Thema nicht drücken", betonte auch die Gesamtschullehrerin Birgit Ebel.

Im nächsten Jahr will Mansour in einem neuen Buch darstellen, wie die Präventions- und Integrationsarbeit nach seiner Meinung aussehen kann. "Die Lösung wird Generationen dauern und Geld kosten", sagt er.

Warum sind Jugendliche aus muslimischen Einwandererfamilien anfällig für das Werben der Islamisten? Sie fühlen sich oft von der Gesellschaft nicht als gleichwertig angenommen und sitzen im Konflikt mit Eltern, Gleichaltrigen und Gesellschaft zwischen den Stühlen.

Mansour schilderte, wie auch muslimische Eltern verzweifeln, wenn sie bemerken, dass "auf einmal ein Sohn als Islamist mit an ihrem Esstisch sitzt". "Wie kann man die muslimischen Eltern erreichen?" lautete eine Frage aus dem Publikum. "Man muss sie lokal erreichen, wo sie sind", sagt Mansour. In Berlin etwa gebe es Schulen, die versuchen, Elternabende ganz anders als gewohnt zu gestalten. Es gebe auch Vätergruppen. Mansour: "Ich habe in meiner Arbeit keine Eltern getroffen, die bösartig sind."

"Ohne die Politik können Lehrer schwer etwas ändern."

Mansour kritisiert immer wieder das Festhalten von Verantwortlichen in Moscheen an einem traditionellen Islamverständnis, das die Gläubigen von der Gesellschaft entfernt. Er warnt vor falsch verstandener Toleranz.

"Wie erkennen wir: Wer spielt uns was vor, wer will wirklich Partner sein?" fragte ein Mitglied einer christlichen Gemeinde nach der Zusammenarbeit mit örtlichen muslimischen Gemeinden. "Wenn jemand sagt, er ist demokratiebereit, glaube ich ihm erst mal", sagte Mansour. Er beklagte aber auch, dass sich viele Begegnungen von Christen und Muslimen inzwischen im Kennenlernen der jeweils anderen Esskultur erschöpften.

Im Bezug auf die türkisch geprägten Gemeinden forderte er den Staat auf, Imame in Deutschland ausbilden zu lassen und die Muslime nicht mit ihrer Abhängigkeit von der Türkei allein zu lassen.

Neue Westfälische, 03.04.2017, von Frank-Michael Kiel-Steinkamp


Fotos: © VHS im Kreis Herford

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