Lippenlesen und Handzeichen: VHS-Kurs für Gehörlose kommt an - Kochen ohne Worte

Lippenlesen und Handzeichen: VHS-Kurs für Gehörlose kommt an - Kochen ohne Worte 02.05.2018

Herford(HK). Dass es zum Erklären von Rezepten keine Worte braucht, das hat der erste Kochkurs für Gehörlose in der VHS Herford gezeigt. Zwölf Hobbyköche haben hier den Kochlöffel geschwungen.

In der Pfanne brutzelt das Fleisch, Töpfe klappern und Papier raschelt. Auch wenn die Gespräche hier überwiegend lautlos ablaufen, herrscht eine rege Geräuschkulisse. Gerade sind die Teilnehmer dabei, die Hauptspeise vorzubereiten. Es duftet bereits nach selbstgemachten Rinderrouladen.
Für heute steht die italienische Küche auf dem Programm. Zu den Rouladen werden Gnocchi und Spinat gereicht. Der Nachtisch ist bereits kaltgestellt. Es gibt eine Orangentorte im Glas. Seit 11 Uhr stehen die Teilnehmer in der Lehrküche der VHS. Noch bis zum Nachmittag wollen sie hier gemeinsam kochen, essen und sich austauschen. Jeder geht seinen Aufgaben nach. Mittendrin ist Kochdozent Eugen-Peter Krause. "Ich bin ein Erzähler", sagt er über sich selbst. Wenn Krause normalerweise einen Kochkurs gibt, dann gehe er durch die Reihen und es spule sich ein Automatismus an Erklärungen ab. Bereits seit 2009 gibt er Kochkurse in Gütersloh, Bielefeld und Herford. Der heutige Kurs ist für ihn deshalb eine Umstellung: "In den Raum hineinsprechen funktioniert nicht. Ich muss die Teilnehmer angucken, damit sie meine Lippen lesen können. Der individuelle Kontakt ist hier umso wichtiger."
Als Spickzettel hat Krause ein Fingeralphabet in seiner Tasche. Allerdings klappt es mithilfe von Handzeichen meist auch so. "Die Teilnehmer sind sehr aufnahmefähig und eifrig bei der Sache", erzählt Eugen-Peter Krause. "Außerdem wird viel hinterfragt." Die Stimmung ist ausgelassen. Über die Grenzen der Kochnischen hinweg werden Handzeichen ausgetauscht und Scherze gemacht. "Viele der Teilnehmer kennen sich bereits untereinander und freuen sich, dass sie sich mal wieder treffen. Es ist schon ein bisschen anders als ein normaler Kochkurs", weiß Inge-Lore Brack. Sie steht dem Kochdozenten als Übersetzerin zur Seite. Gemeinsam entwickelten sie die Idee zu dem außergewöhnlichen Kochkurs.
Ein Pilotprojekt in der VHS Gütersloh hat bereits guten Anklang gefunden. Brack ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen und beherrscht deshalb die Gebärdensprache. Durch ihre ehrenamtliche Unterstützung wird der Kurs erst möglich. "Ein professioneller Gebärdendolmetscher wäre sehr teuer und würde die Kosten für den Kurs in die Höhe treiben", berichtet VHS-Fachbereichsleiter Frank Schragner. Er freut sich über den guten Zuspruch für das neue Angebot: "Wir hätten sogar 19 Anmeldungen gehabt. Das hätte allerdings den Rahmen unserer Räumlichkeiten gesprengt." Die Teilnehmer kommen aus dem gesamten Kreis Herford, Minden und Rheda-Wiedenbrück. Im kommenden Semester soll ein weiterer Kurs dieser Art angeboten werden. Auch eine dauerhafte Einrichtung ist laut Schragner denkbar.

Foto: Für den ersten Kochkurs für Gehörlose in der VHS Herford unter Leitung von Kochdozent Eugen-Peter Krause (Mitte) gab es im Vorfeld viele Anmeldungen. Deshalb wird über ein dauerhaftes Angebot nachgedacht. © Sophie Hoffmeier

© Sophie Hoffmeier, Herforder Kreisblatt, 1. Mai 2018

 

Geschmackvoll und gestenreich

Pilotprojekt: Sonst gibt Eugen-Peter Krause seinen Schülern wortreich Anweisungen. Beim ersten Kochkurs für Gehörlose musste der Dozent seine Methoden umstellen


Herford. In der Lehrküche herrscht eifriges Treiben. In den Töpfen brodelt es, das Gemüse wird geputzt und die Pfannen geschickt rangiert. Das Zusammenspiel der Köche funktioniert - und das ganz ohne Worte. Kommuniziert wird visuell, über Gestik und Mimik. Denn der erstmals in der VHS als Pilotprojekt angebotene Kochkursus richtet sich an Gehörlose.


Eine kulinarische Reise nach Italien erwartete die Teilnehmer. Dozent Eugen-Peter Krause hatte ein drei Gänge Menü für das Seminar vorbereitet. Krause unterrichtet verschiedene Kochkurse in den Volkshochschulen Herford, Bielefeld und Gütersloh. Seine Idee zu einem Kochkurs für Gehörlose setzt er gemeinsam mit seiner ehemaligen Kollegin Inge-Lore Brack um und hat bereits ein erstes Seminar in seiner Heimatstadt Gütersloh durchgeführt. "Als uns das Projekt angeboten wurde, waren wir sofort mit an Bord und auch der Herforder Gehörlosenverein war begeistert", so Frank Schragner, Fachbereichsleiter Gesundheit und internationale Politik der VHS.


Brack ist zwar keine ausgebildete Dolmetscherin. Da aber ihre Eltern gehörlos waren, ist sie mit der Gebärdensprache aufgewachsen. Während des Kurses hilft sie bei Verständnisfragen. Ihrem Kollegen Krause hat sie einen kleinen Spickzettel mit den wichtigsten Gesten zusammengestellt. Seine Unterrichtsmethoden musste er entsprechend anpassen. "Normalerweise laufe ich durch die Gänge, rede viel und gebe Anweisungen", erklärt er. Hier müsse er bewusster agieren und seine Gesten kontrolliert einsetzen. "Ich gebe am Anfang die Anweisungen, erkläre die einzelnen Schritte und demonstriere sie", so Krause. Zwar spazierte er danach genauso wie sonst von Kochnische zu Kochnische - aber die Kommunikation erfolgte anders. "Wenn ich mit den Schülern rede, halte ich ständigen Blickkontakt und spreche langsamer. Einige können ein wenig hören, andere können auch von den Lippen ablesen", so Krause.


Anfänger oder Hobbykoch - ein bestimmtes Vorwissen mussten die Teilnehmer nicht vorweisen. "Ich freue mich, die heute gelernten Gerichte in meiner Küche noch einmal auszuprobieren", erklärte Teilnehmerin Heike Barlach aus Detmold.


Veronika Dresler gefiel besonders das Kochen in einer größeren Gruppe: "Gemeinsam zu kochen macht Spaß und jeder kann seine persönliche Note einbringen." Dem konnte der Dozent nur zustimmen: "Ein Rezept ist nur der Wegweiser, der Rest ist eine Geschmacksreise." Auf der Tageskarte stand als Vorspeise eine italienische Suppe mit Cabanossi, als Hauptgericht gab es Rinderrouladen nach italienischer Art mit selbst gemachten Gnocchis und als Dessert servierten die Kochlehrlinge eine Orangentorte im Glas.


Aufgrund der hohen Nachfrage und positiven Resonanz, soll es im nächsten Semester wieder angeboten werden.


Von Isabelle Helmke © 2018 Neue Westfälische 09 - Herford, Dienstag 01. Mai 2018

 

 

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