Neues von König Heinrich und Königin Mathilde

Neues von König Heinrich und Königin Mathilde 09.04.2018

Eine Tagung beleuchtet die Vor- und Frühgeschichte des deutschen Reiches. Widukinds Ururenkelin wurde in Enger geboren und in Herford erzogen (H. Braun/NW Herford)

Quedlinburg/Herford. Herford und Enger sind über Königin Mathilde mit Quedlinburg verbunden. In der Welterbestadt hat sich jetzt ein dreitägige Tagung mit Heinrich I. und den Anfängen der ottonischen Herrschaft beschäftigt.

Historiker, Bauforscher, Archäologen und Germanisten stellten neue Forschungsergebnisse vor und vertraute Bilder infrage. Dabei ging es immer wieder um die ebenso rätselhafte wie einflussreiche Königin Mathilde, die in Enger zur Welt kam, und um das Reichsstift Herford, in dem sie erzogen wurde.

Wie in Hollywood: "Plötzlich König"

"Plötzlich König" überschrieben die Universität Magdeburg und das dortige Zentrum für Mittelalterausstellungen zugespitzt ihre Tagung im Vorfeld der 1.100-Jahr-Feier der Königserhebung Heinrichs im Jahr 2019.

Damit griffen sie spielerisch die uralte Erzählung vom Prinzen Heinrich am Vogelherd auf, dem überraschend von Sendboten des sterbenden Königs Konrad die Königswürde angetragen wird.

Mit Heinrichs Königserhebung sollte die Geschichte des deutschen Reiches und die Bedeutung Quedlinburgs als Machtzentrum beginnen.

Vom Mythen-Mix bleibt wenig übrig

Drei Tage später ist von diesem Mythen-Mix wenig übrig geblieben. Der Historiker Pierre Fütterer (Magdeburg) berichtet, dass die Region am Nordharz um Quedlinburg mit fruchtbaren Lössböden, reicher Gewässerlandschaft, geringem Niederschlag, solehaltigen Quellen und nahen Erzbergwerken bereits vor Heinrich im Kreuzungsbereich überregionaler Wege lag.

Die Archäologin Babette Ludowici (Braunschweig) wies auf die auffällige Verdichtung von Grabfunden bereits aus der Merowingerzeit und auf ein Nebeneinander von christlichen und vorchristlichen Spuren schon in dieser Zeit hin.

Teile der hiesigen Oberschicht scheinen lange vor den Sachsenkriegen christianisiert und mit dem Herrscherhof verbunden gewesen zu sein.

Glänzende Kontakte zu karolingischem Hof

Von einem "deutschen Reich" kann zu Heinrichs Zeiten so wenig die Rede sein wie von Heinrich als Burgenbauer, Städtegründer oder Erfinder des Turnierwesens.

Unbestritten blieb jedoch, dass Heinrichs Familie, die Liudolfinger, zu den großen Familien Nordwestdeutschlands mit viel Besitz und glänzenden Kontakten zum karolingischen Hof gehörten.

Nach seiner Hochzeit mit Mathilde aus Enger/Herford gewann er Rückhalt auch in deren Heimat, einschließlich der Unterstützung der sächsischen Kirchen-Oberen, wie Hedwig Röckelein (Göttingen) aus der häufigen Anwesenheit der Bischöfe etwa aus Minden, Osnabrück und Paderborn auf Heinrichs Hoftagen schließt.

Herford - die Mutter aller Frauenkonvente

Die Professorin sieht Mathilde als Mit-Organisatorin dieses westfälischen Netzwerks und widerspricht zugleich älteren Vorstellungen von der "Kirchenferne" Heinrichs, der so viel und so wenig "Pfaffenkönig" gewesen sei wie seine Vorgänger.

Überhaupt kommt fast keine Darstellung dieser Zeit ohne Mathilde aus. Katrinette Bodarwé (Regensburg) hat ihre Rolle bei der Gründung des Frauenstiftes Quedlinburg untersucht.

Sie hebt hervor, dass die Königin Stiftsfrauen aus dem 100 Jahre vorher mit Herforder Hilfe gegründeten Stift Wendhusen gegen den Willen der Äbtissin nach Quedlinburg locken konnte - zur Unterstützung des Gebetsgedenkens an ihren gerade verstorbenen König Heinrich.

Auch bei der Gründung des liudolfingischen Hausklosters Gandersheim war Herford als Mutter aller Frauenstifte tatkräftig beteiligt - die erste Äbtissin wurde hier ausgebildet.

Dass Mathilde auch bei der Gründung weiterer Klöster eigenmächtig vorging und dabei Stress mit ihren Söhnen in Kauf nahm, ist vielfach erzählt worden und verweist sowohl auf das Selbstbewusstsein als auch eine tatsächliche Machtposition der offenbar bestens vernetzten Ururenkelin des Widukind, des großen Gegenspielers von Karl dem Großen.

Enthüllungsstory: Mathilde war nicht Heinrichs erste Frau

In zwei Lebensbeschreibungen jener Zeit wurde sie als Vorbild für in Frauenkonventen erzogene junge Frauen dargestellt, wie Claudia Moddelmog (Zürich) betont.

Sie erinnert allerdings auch an eine spektakuläre Enthüllungs-Story aus dem Kloster Merseburg: Bischof Thietmar hatte 50 Jahre nach dem Tod Mathildes als erster daran erinnert, dass diese gar nicht die erste Frau Heinrichs war.

Vielweiberei in Europas Adel weit verbreitet

Sowohl der liudolfingische Haus-Historiker Widukind von Corvey als auch die Autoren der Mathilde-Lebensbeschreibungen hatten verschwiegen, dass Heinrich zum Zeitpunkt der legendären Brautwerbung in Herford bereits mit einer Hatheburg verheiratet war, die er dann einfach ins Kloster zurückschickte, von wo er sie als Witwe zwecks Ehe-Verbindung geholt hatte.

Dr. Moddelmog stellt das in Zusammenhang mit der in weiten Teilen des europäischen Adels zu jener Zeit verbreiteten "Vielweiberei". Sie sieht allerdings für das 10. Jahrhundert kein ganz einheitliches Bild, sondern die Parallel-Existenz unterschiedlicher Ehemodelle.

Nach einer berühmten Urkunde von 929 stattete Heinrich seine Mathilde mit äußerst umfangreichen Besitzungen für die Zeit ihrer Witwenschaft aus und bestimmte im selben Atemzug Otto frühzeitig zu seinem alleinigen Nachfolger.

Dieses Dokument, so Christian Warnke (Magdeburg), weicht indes in wichtigen Details von den meisten anderen Heinrich-Urkunden ab: eine Fälschung?

Mathilde als wundertätige Heilige verehrt

Der Bedeutung der Mathilde tut das keinen Abbruch. Sie machte die Memorien-Pflege des 936 verstorbenen Heinrich, in die auch das Reichsstift Herford eingebunden war, zu ihrer zentralen Aufgabe und griff bis zu ihrem Tod 32 Jahre später immer wieder ins Geschehen ein.

In der Quedlinburger Stiftskirche, dem zentralen Ort des Heinrich-Gedenkens, liegt sie neben ihrem Gemahl begraben, von Anfang an als wundertätige Heilige verehrt.

War Heinrichs berühmte Urkunde eine Fälschung?

Wie gründlich und umfangreich Quedlinburg sich auf das Heinrich-Jahr 2019 vorbereitet, konnten die Tagungsteilnehmer auch im Quedlinburger Theater bestaunen: Das auch in Herford bekannte Nordharzer Städtebundtheater gibt dort als schwungvolle Multimedia-Schau "Mensch Heinrich", eine ebenso unterhaltsame wie nachdenkliche Mittelalter-Revue.

Und spätestens im Heinrich-Jahr 2019 ist Quedlinburg für Geschichtsinteressierte aus der Region Enger/Herford wieder eine Reise Wert.

Information

Veranstaltungshinweis

Die Rolle Herfords bei der Gründung des Klosters Wendhusen ist Thema
eines Vortrags, den der Historiker und Archäologe Heinz A. Behrens auf
Einladung des Herforder Geschichtsvereins am Donnerstag, 12. April, 19
Uhr, im Herforder Daniel-Pöppelmann-Haus hält.

Text: Hartmut Braun

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Foto: Brautwerbung: Herzog Heinrich I. und Mathilde in einem Historiengemälde des Malers Konrad Astfalck von 1896 in unserer VHS-Aula  ©VHS im Kreis Herford


 

 


Aula-Gemälde: Brautwerbung Herzog Heinrich I. um Mathilde

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